Weltmeister in „Smart Data“

Hans Rosling wurde schon als globaler IT-Entertainer, als Daten-Rockstar und als der Mann bezeichnet, der animierten Blasendiagrammen ein Gesicht verliehen hat. Seit seinem internationalen Durchbruch und dem Erfolg seiner Vorträge auf der TED Talks-Website im Jahr 2006 wurde Hans Rosling zu den Vereinten Nationen und ins Weiße Haus eingeladen und hat unter anderem auch schon Google-Gründer Larry Page sowie Bill Gates von Microsoft begeistert.

Roslings Erfolg beruht auf dem, was den wahren Kern von „Smart Data“ ausmacht: die Analyse großer Mengen von Informationen auf Basis der identifizierten Beziehungen, d.h. die Abbildung der Realität auf der Basis von Fakten anstelle von Bauchgefühl. „Wenn man die Welt nicht so sieht, wie sie tatsächlich ist, werden Entscheidungen auf einer fehlerhaften Grundlage getroffen. Unwissenheit kann verheerende Folgen haben – sei es im Kampf gegen Armut oder beim Umgang mit Kunden“, erklärt Hans Rosling.

Die Fakten, die er bei seinen Vorträgen präsentiert hat, haben die Weltanschauung vieler Menschen infrage gestellt. Ist es nicht wahr, dass die Welt stärker verarmt ist? Die meisten Menschen waren vom Gegenteil überzeugt. „Es gibt so viele Vorurteile. In gewissem Maße liegt dies daran, dass sich die Medien vor allem darauf konzentrieren, die von den Menschen bereits gehegten Überzeugungen zu bestätigen – selbst wenn diese falsch sind“, so Rosling weiter.

Sein Sohn Ola Rosling hat das Programm Trendalyzer entwickelt, das die Statistiken visualisiert, die Hans Rosling bei seinen Vorträgen präsentiert. Im März 2007 wurde die Software von Google gekauft. Hans Rosling nutzt sein Geld heute, um die Gapminder Foundation zu finanzieren. Diese setzt sich dafür ein, einen leichteren Zugang zu den öffentlichen Informationen der Welt zu ermöglichen.

Dennoch stellen sich bei der Extrahierung relevanter Informationen aus großen Datenmengen sowie bei der Umwandlung dieser Informationen in intelligente Daten erhebliche Herausforderungen. Dies liegt nicht nur daran, dass die Daten häufig stark verstreut sind und an unterschiedlichen Orten vorliegen – sie sind zudem selten wirklich vergleichbar. Erschwerend kommt hinzu, dass viele derjenigen, die eine Datenbank aufgebaut haben, alles in ihrer Macht Stehende tun, um diese zu schützen. „Ich nenne dieses Phänomen DBHD – Data Base Hugging Disorder (d.h. ein krankhaftes Festhalten an einer Datenbank). Wenn Menschen Jahrzehnte ihres Lebens mit dem Aufbau einer Datenbank verbracht hatten, halten sie daran fest – komme was wolle. Das ist eine ganz natürliche Reaktion, die allerdings denjenigen, die die Daten auf innovative Art und Weise nutzen wollen, das Leben leider äußerst schwermacht. Wenn es leichter wäre, die Datenbanken zusammenzuführen, würden Unternehmen und Organisationen deutlich intelligenter werden“, erklärt Hans Rosling.

Angenommen, der Zugang zu großen Datenmengen wäre möglich, so wäre es zudem wichtig, diese richtig zu verarbeiten. „Internet-Aktivisten in London haben gezeigt, wie sich das Risiko eines tödlichen Herzinfarkts von einem Stadtviertel zum nächsten unterscheidet. Die Ergebnisse waren jedoch nicht relevant, da bei den Berechnungen das durchschnittliche Alter nicht berücksichtigt wurde. In manchen Nachbarschaften ist die Bevölkerung älter, so dass die dortigen Anwohner natürlich häufiger Herzinfarkte haben. Der erste Schritt besteht darin, die Daten, die verarbeitet werden sollen, zu verstehen – ansonsten vergleicht man am Ende Äpfel mit Birnen.“

Bei einer Reise nach Las Vegas stieß er kürzlich auf ein Beispiel dafür, wie Unternehmen Informationen über ihre Kunden nutzen. „Ich wollte ein Auto mieten und mit meiner American Express-Karte bezahlen, aber die Zahlung wurde nicht freigegeben. Auf Basis dessen, was American Express über mich wusste, hat das Unternehmen den Rückschluss gezogen, dass ich eine Person bin, die nicht in Las Vegas sein sollte“, erklärt Hans Rosling. Die Kreditkarte wurde gesperrt, da ein Risiko bestand, sie könne gestohlen worden sein. Die Schlussfolgerung war, dass ein Professor für internationale Gesundheit nicht zum Roulettespielen in einer Spielbankstadt sein sollte. „Was sie allerdings übersehen hatten, war die Tatsache, dass Las Vegas inzwischen auch ein beliebter Veranstaltungsort für wissenschaftliche Konferenzen geworden ist“, lacht Rosling. Das Beispiel wirft unweigerlich Fragen über Eingriffe in die Privatsphäre auf. „Wenn ein Unternehmen herausfinden kann, dass eine Frau schwanger ist, und ihr Werbung für Windeln zuschickt, noch bevor sie ihren Eltern von der Schwangerschaft erzählt hat, dann geht das natürlich zu weit. Andererseits: wenn wir Zugang zu Daten über einen Menschen haben, können wir dieses Wissen für die Forschung sowie zu medizinischen Zwecken nutzen, um die richtigen Schlussfolgerungen darüber zu treffen, welche Behandlung eingeleitet werden sollte. Im besten Fall lassen sich hierdurch Erkrankungen sogar verhindern. Solange die Privatsphäre geachtet wird, eröffnen all diese verfügbaren Daten immense Chancen“, sagt Hans Rosling.

Hans RoslingName: Hans Rosling
Alter: 67
Beruf: Professor für internationale Gesundheit am Karolinska Institute. Operations Manager und einer der Gründer der Gapminder Foundation
Auszeichnungen: Educator of the Year 2006, Knowledge Award 2007, KTH Great Prize 2010, Goldmedaille der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften 2010
Hobbys: Schwertschlucken